Im Paradies wird gegrillt

Von Thomas Allenbach.
Der Berner Schrebergartenfilm «Unser Garten Eden» von Mano Khalil ist an den Solothurner Filmtagen begeistert aufgenommen worden.
Die Schrebergärten Bottigenmoos in Bümpliz werden im Film «Unser Garten Eden» zur Bühne für ein tragikomisches Welttheater. (zvg)

Die Schrebergärten Bottigenmoos in Bümpliz werden im Film «Unser Garten Eden» zur Bühne für ein tragikomisches Welttheater. (zvg)

 

Berns Westen, der lange Zeit bloss als Problemzone galt, wird derzeit von Film und Fernsehen neu entdeckt. Den Auftakt machte das Schweizer Fernsehen, das mit dem Stadttheater Bern Puccinis «La Bohème» im Gäbelbach inszenierte und grosse Opern-Gefühle ins Hochhaus-Leben brachte. Am Wochenende nun hatten an den Solothurner Filmtagen gleich zwei Berner Filme Premiere, die auf diesem Terrain entstanden sind: «Pizza Bethlehem» von Bruno Moll mit den jungen Fussballerinnen des FC Bethlehem (siehe «Der kleine Bund» vom letzten Mittwoch) und der Schrebergarten-Film «Unser Garten Eden» von Mano Khalil. Beide wurden vom Publikum begeistert aufgenommen, beide dürfen hoffen, dass sie dank diesen Reaktionen einen Verleih finden und vor ihrer TV-Ausstrahlung ins Kino kommen.

Es ist die grosse, multikulturelle Welt, die sich auf dem Areal der Schrebergärten Bottigenmoos in Bümpliz en miniature wiederfindet. Menschen aus über zwanzig Nationen verbringen ihre Freizeit auf den 150 Parzellen, einer unter ihnen ist Mano Khalil, ein Kurde aus Syrien, der 1994 in die Schweiz und nach Umwegen über das Tessin und Zürich nach Bern kam. Mit seiner Kamera hat Khalil das Schrebergarten-Leben seiner Mitgärtner während zweier Jahre beobachtet. «Unser Garten Eden» ist der Titel seines 97-minütigen Films, doch Khalil zeigt nicht bloss die Idylle zwischen Tomaten und Bohnen, er erzählt auch von den Konflikten in der eng parzellierten Welt mit den Nationalflaggen, die über den Gartenhäuschen wehen.

Ordnung im Gartenstaat

Die Freiheit ist akribisch reguliert, es herrschen Paragrafen und Bauvorschriften. Über diese wacht der Präsident des Familiengartenvereins, ein Coiffeur italienischer Herkunft, der sich gerne mit Berlusconi und Bush vergleicht. Mal mit diplomatischer Servilität, dann wieder mit präsidialer Autorität führt er einen Gartenstaat, in dem die Kühlung des Biers und der Bau eines Grills zum Politikum werden. Seine Auftritte zählen zu den heiteren Höhepunkten im Film: Die Diskrepanz zwischen seiner an grossen Staatenlenkern orientierten Rhetorik und der doch eher kleinteiligen Welt, über die er herrscht, erreicht realsatirische Dimensionen.

Unter dem Blick von Mano Khalil wird der Schrebergarten zum Mikrokosmos. Weil Khalil die Lebensfreude ebenso zeigt wie die Trauer, die Gemeinsamkeit wie die Einsamkeit, wächst sein Film darüber hinaus zu einem bunten, tragikomischen Welttheater. Stets trifft er dabei den richtigen Ton, findet er die passende Distanz: Mit Ironie schildert Khalil die nur allzu menschlichen Zwiste im Zusammen- oder Nebeneinanderleben der unterschiedlichen Kulturen; aus intimer Nähe hingegen schildert er einzelne Schicksale, so etwa jenes des polnischen Paares, das in der Fremde nie so richtig heimisch wurde und das sich nach Jahrzehnten trennt. Diesem stellt er das Eheglück von Marguerite und Mohammed Barka gegenüber, die seit über vierzig Jahren verheiratet sind. Sie stammt aus dem Berner Oberland, er, ein dunkelhäutiger Muslim aus Algerien, ist in Frankreich aufgewachsen. Gemeinsam leben sie eine Toleranz, die auch im Garten Eden im Bottigenmoos die Ausnahme ist – und die Mano Khalil seinerseits zur Leitidee seines Films macht: Am Ende ist die Gartengemeinschaft zum Fest versammelt, man schunkelt gemeinsam zu den Liedern der Berner Kummerbuben, und auf dem Grill dreht sich das Schaf der Muslime friedlich neben dem Schwein der Christen. (Der Bund)

Erstellt: 25.01.2010, 10:49 Uhr

http://www.bernerzeitung.ch/region/gemeinde/Der-Schrebergarten-als--Mikrokosmos-/story/14059364

 

Der Schrebergarten als Mikrokosmos

Aktualisiert am 22.01.2010
Eine nicht immer ganz heile Welt im Paradies: Der Berner Filmemacher Mano Khalil hat zwei Jahre lang das Leben in einem Berner Schrebergarten beobachtet. Sein Film «Unser Garten Eden» feiert in Solothurn Premiere.

Es wird gelacht, gestritten, versöhnt, nicht versöhnt, gefeiert, geschimpft, gelobt und geträumt. Dazu gibts ein nicht immer kaltes Bier und Schwein vom Grill. Das ist das andere Leben von Menschen aus über zwanzig Nationen, die sich auf 148 Parzellen ein kleines Stück Paradies, jenseits von Stress und Hektik, aufgebaut haben. Der Berner Filmemacher Mano Khalil hat für seinen Film «Unser Garten Eden» Stimmungen im Berner Schrebergarten Oberbottigenmoos eingefangen. Er hat dort selbst eine kleine Parzelle und kennt das Innenleben und die Atmosphäre in der kleinen Gemeinschaft – eine Gemeinschaft, die längst nicht so idyllisch ist, wie sie von aussen aussehen mag. So setzt der Präsident des Gartenvereins, stets in Anzug und Krawatte, mit polizeilicher Miene durch, dass eine Laube um einige Zentimeter herabgesetzt werden muss, damit die Bauvorschriften eingehalten werden. Dass man ihn deswegen auch schon mit «Mussolini» tituliert hat, goutiert er nicht. «Ich bin sensibel, ich bin demokratisch», korrigiert er aufgebracht. «Ich habe nur meine Nerven, nicht Kanonen wie Bush.» Tränen und Humor Was hier gezeigt wird, sind wahre Geschichten, traurige wie fröhliche – aber nie voyeuristische. Ein Mann und eine Frau aus Polen, über dreissig Jahre ein Paar, trennen sich im Laufe der Dreharbeiten und verbergen ihre Tränen nicht. Einem Italiener, der auch nach vierzig Jahren kein Wort Deutsch spricht und im Rückblick lieber arm in Italien geblieben wäre, dient der Garten Eden als Trost. Mit Humor erzählen eine Schweizerin und ihr schwarzer Mann aus Algier, wie sie auch nach bald fünfzig Jahren trotz verschiedener Hautfarbe und Religion ein glückliches Paar sind. Lustig und laut gehts bei Serben und Kroaten zu, die mit grossem Schweinegrill und lauter Handorgel Geruch- und Lärmemissionen verursachen, was wiederum nicht bei allen Mitbewohnern gleichermassen gut ankommt. Vier TV-Kanäle interessiert Mano Khalil, selbst gebürtiger Kurde aus Syrien, vermag es, Menschen zum Erzählen und ihre inneren Gefühle zum Ausdruck zu bringen. «Solange ich alleine mit meiner Kamera zu den Leuten ging, waren sie bereit, über sich zu sprechen», so Khalil. «An einigen Tagen nahm ich ein Filmteam mit. Da schwiegen sie.» Liebevolle Detailaufnahmen von blühenden Rosen, jungen Salaten, wehenden Fahnen, Zugvögeln am blauen Himmel und dem Wunschkonzert am Radio sorgen für die Würze. 36 Stunden Filmmaterial hat Mano Khalil zu einer 97-minütigen Filmmontage komponiert. Die Filmmusik stammt von Mario Batkovic, auch bekannt als Sänger der Berner Band Kummerbuben. Der Film über eine multiethnische, multikulturelle und mehrsprachige Welt in einem nicht immer ganz paradiesischen Mikrokosmos scheint einen Nerv der Zeit zu treffen. Bereits haben alle drei Schweizer Fernsehkanäle und der Sender SAT1 ihr Interesse an der Ausstrahlung des Films angemeldet. Khalil setzt darauf, dass «Unser Garten Eden» zuerst noch im Kino anläuft. In Solothurn ist am Samstag Premiere. Hannah EinhausGezeigt wird «Unser Garten Eden» in Solothurn am 23. und am 27.Januar. >

Erstellt: 22.01.2010, 00:30 Uhr 

http://www.schweizerfamilie.ch/menschen/portraits/article/32921.html

 

In Mano Khalils Film über das multikulturelle Nebeneinander im Schrebergarten (rechts) gehört das Ehepaar Barka zu den Hauptdarstellern.
Foto: Beat Schweizer


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«Das ist Zitronenmelisse», sagt Mohammed, «hier ist Menthe – Münze. Dort haben wir Petersilie und Estragon.» Marguerite freut sich über die Tomaten und die Peperoni, die prächtig gedeihen. «Das kleine Treibhaus», sagt sie, «haben wir selber gebaut, mein Mann und ich.»

Die gebürtige Berner Oberländerin Marguerite Barka (67) ist seit 46 Jahren mit Mohammed (73), einem in Frankreich aufgewachsenen Algerier, verheiratet. «Glücklich», wie sie lacht «und dies mit einem Muslim.» Barkas haben vier Kinder und vier Grosskinder und sind hier, im Familiengarten Bottigenmoos, ebenso zu Hause wie im Tscharnergut. «Der Garten ist unser Naherholungsbiet», sagt sie, «er bedeutet für uns Freizeit, Bewegung, Gesundheit – auch Arbeit zwar, aber gesunde Arbeit, die Freude macht.»

«Hier fühlen wir uns wohl»

Der Garten habe für sie auch eine soziale Bedeutung: «Ich liebe den Garten, er liebt den Garten. Hier vergnügen wir uns, hier fühlen wir uns wohl. Es gibt uns Befriedigung, immer wieder zu sehen, wie das, was wir gesät haben, gedeiht – ,wie ds Züüg wachst‘. Und was wir ernten können. Eben haben wir zwei Harassen Kartoffeln gegraben.»

Für Barkas vergeht kaum ein Tag ohne Besuch im Garten. «Heute», sagt Marguerite, «sind wir schon am frühen Morgen gekommen. Und am Mittag gab es im Gartenhäuschen ein Picknick.» Sie zwickt aus irgendeiner Staude einige gelbe und dürre Blätter heraus und verrät: «Überall zwischen den Beeten haben wir Tagetes gepflanzt – als natürliches Mittel gegen Läuse.»

Links von Barkas gärtnert «eine Kurdin, eine Witfrau mit drei Kindern», rechts «ein junger Schweizer mit seiner thailändischen Frau und zwei Kindern». Auch sie sei eine liebenswürdige Nachbarin: «Sie chunnt, hüschteret ume, isch früntlech u machts guet.»

Die Tatsache, dass immer mehr Ausländer den Garten bevölkern und hier «halt auch hie und da ein Fest feiern», ist für Barkas kein Problem, denn: «Wir sind schliesslich selber ein binationales Paar, haben in unserer Beziehung ganz besonders lernen müssen, einander zu akzeptierten und zu respektieren.» Der multikulturelle Familiengarten Bottigenmoos ist nun sogar Thema eines Dokumentarfilms (siehe Kasten).

Es sei «ein wachsiges Jahr»

Inzwischen ist man bei den Steckenbohnen angelangt. Und beim Kabis und beim Kohl, bei den Gurken und Krautstielen. Und beim kleinen Kartoffelacker, auf dem auch einige wild wuchernde Artischockenstauden gedeihen dürfen.

Es sei «ein wachsiges Jahr», freut sich Marguerite Barka, der Regen und die warmen Temperaturen seien gut für die Pflanzen. Und glücklicherweise sei das Bottigenmoos bisher vom Hagel verschont worden. Barkas Parzelle ist auch ein wahres Blumen-Eldorado: Es hat Flox und Rittersporn, Sonnenblumen und Lupinen, Feuerlilien und Dahlien, Forsythien und Stockrosen – «eine Rosenpracht, die jedes Jahr von selber wieder kommt», wie Marguerite Barka sagt. Früher, als ihr Mann während 33 Jahren Chauffeur beim Carunternehmen Dysli gewesen sei, habe sie jeweils für die Hochzeitsfahrten die Blumendekorationen gemacht. «Das war eine schöne Zeit», sagt sie.

 

Fokus auf den Garten Eden

Aktualisiert am 11.08.200
Von den rund 2000 städtischen Familiengartenparzellen hat die Stadtgärtnerei Bern 587 an Ausländer verpachtet, die hier «ihr» Stück Boden beackern. Der in Bern lebende kurdische Filmemacher Mano Khalil, der im Bottigenmoos selber eine kleine Parzelle bepflanzt, macht diesen multikulturellen «Garten Eden» in einem Dokumentarfilm zum Thema.

Hier, im Bottigenmoos, sind 89 der 145 Parzellen an Ausländer verpachtet. «Mich interessiert dieses multikulturelle Zusammenleben des Gartenvolks», sagt Khalil, «und ich suche Antworten auf Fragen wie diese: Wie fühlen sich die Schweizer hier als Minderheit auf ,ihrem‘ Boden? Machen ihnen fremde Gesichter und Traditionen Angst, oder freuen sie sich auf das Neue? Gibt es eine gemeinsame Sprache zwischen Schweizern und Ausländern? Und: Wie sind die Beziehungen unter den Ausländern selber – etwa zwischen den Serben, Bosniern, Kroaten, Albanern oder Slowenen, die hier im Berner Schrebergarten plötzlich wieder Nachbarn sind?»

Die Gartengeschichten

Nicht der Schrebergarten an sich sei das Thema des Films, sondern das Leben im Garten. Die Geschichten der Menschen, die hier ihr Stückchen Land gepachtet haben. Glückliche wie Mohammed und Marguerite Barka, aber auch weniger glückliche Ausländer, die seit Jahrzehnten in der Schweiz lebten, ohne sich wirklich integriert zu haben: «Sie sind in der Schweiz geblieben, obschon ihr Traum vom grossen Geld sich zerschlagen hat. Nun sind sie aber da, reden kaum Deutsch, ihre Kinder sind Schweizer. Ein Zurück in ihre alte Heimat gibt es für sie nun auch nicht mehr, weil sie auch dort Ausländer geworden sind. Sie schweben zwischen zwei Kulturen. Doch die 140 Quadratmeter Schrebergarten sind für sie nun ein Stück Heimat.»

Die Gartenordnung

Mano Khalil will die Gartenidylle jedoch nicht etwa filmisch verklären. «Ein Schrebergarten könnte zwar eine Oase von Freundschaft und Völkerverbindung sein», sagt er, «wenn da nicht der Mensch mit seinen Eigenheiten wäre.» Oft stimmten die Vorstellungen der «Alten» und der «Neuen» über das Gärtnern und die Ordnung im Gartenareal nicht überein, manchmal prallten Welten und Werte aufeinander. Etwa Kindergeschrei oder Unkraut, gesellige Treffen oder unverständliche Regeln seien ein Nährboden für Konflikte – «so, dass die Leute plötzlich die Bienenstiche fühlen, statt die Süsse des Honigs zu geniessen».

Das Gartenfest

Im Film porträtiert Khalil auch einen Italiener, der einst für ein halbes Jahr aus Kalabrien in die Schweiz kam und nun seit 37 Jahren hier lebt – «einer, der nicht Deutsch spricht und eigentlich noch immer das Meer und die Fische liebt». Er stellt auch eine Schweizer Familie vor, die dem Familiengarten nun den Rücken kehren will. Oder ein polnisches Paar, das nun getrennt lebt, im Schrebergarten aber immer wieder zusammenfindet.

Mit einem Gartenfest am 22. August wird sich Mano Khalil bei den Bottigenmoos-Familiengärtelern für ihr Mitmachen im Film bedanken. Dieser wird Ende Jahr fertiggestellt und auch im Schweizer Fernsehen zu sehen sein. (wd) >

Berner Zeitungen 04.05.2009





Mein Kerker, mein Haus
Der Film wurde zum Gulf Filmfestival  in Dubai von 9 April bis 15 April eingeladen
My Prison, my Home
Is selected to the 2th Gulf film festival - Dubai 9 - 15 April 2009